Eine Erfahrung, die wir immer wieder machen – mit uns selbst, aber auch mit vielen Paaren, die am Retreat teilnehmen: Der Kopf weiß schnell, worum es geht – aber der „Rest“ tut sich schwer. Mit „Rest“ meinen wir die emotionale und die körperliche Ebene – also eigentlich die Hauptsache beim Sex. 
Wir sind es gewöhnt, Dinge, die nicht gut laufen, zu analysieren – wir versuchen, zunächst Ursachen und dann entsprechende Lösungen zu finden. Haben wir das geschafft, machen wir einen Plan und denken: So kann es gehen, alles bedacht, alles richtig, alles gut. Und dann kommt alles anders, nix klappt wie gedacht – weil das Leben nicht theoretisch-linear, sondern lebendig-unvorhersehbar und immer mal wieder sehr chaotisch ist.
Genau das passiert in unseren Retreats auch: Die Theorie, die wir präsentieren, leuchtet den meisten sofort ein – alles sind sich einig, dass es schön wäre, den Sex zu entstressen, entspannter zu werden und liebevoller zu sein. Unsere Erklärungen zur neurophysiologischen Prozessen in Kopf, Herz und Körper werden dankbar angenommen, manchmal diskutiert – aber im Prinzip geht die Theorie gut und schnell rein in die Köpfe. Bei den meisten sickert dann ganz langsam die Erkenntnis durch, dass es sich um eine sehr grundsätzliche Veränderung handelt, den Sex zu entspannen. Ist ja klar, der Kopf versteht gut, dass beim Sex auch die Gefühle mit beteiligt sind und der Körper natürlich sowieso – alles easy, alles logisch.
Der Schritt von der Theorie (Kopf) in die Praxis (Herz und Körper) ist oft nicht ganz leicht – vor allem dauert diese Entwicklung länger, als es gedauert hat, sich neue Gedanken zum Sex zu machen.

Vom Kopf ins Herz

Kopf und Herz sprechen leider (manchmal natürlich auch zum Glück) nicht die gleiche Sprache: Habe ich ein Thema verstanden und eingesehen, dass ich was verändern muss, heißt das noch lange nicht, dass ich das auch umsetzen kann. Das kennen wir alle: Der gute Vorsatz ist reine Theorie, die Umsetzung scheitert an emotionalen (schlechte Laune ohne Zucker) und körperlichen (Kopfschmerzen ohne Kaffee) Hindernissen. Zwar wurde zwar auch irgendwo erwähnt, dass es Umstellungsbeschwerden geben könnte – theoretisch war das also klar, aber dann, in der Praxis – könnte ich alles hinschmeißen, weil es sich nicht gut anfühlt.

So ist das mit Entspanntem Sex auch: Der Entschluss, Entspannten Sex leben zu wollen, ist gefasst, das Retreat gebucht – und dann kommt das emotionale Erwachen. Erwachen? Aus was? Aus den alten Mustern und Gewohnheiten, aus den festen Ritualen vom Paar-Sex. Die Entspannung bringt mit sich, dass wir plötzlich Gefühle mitkriegen – nicht Geilheit oder Ekstase, sondern die ganze Bandbreite: Zärtlichkeit, Freude, Traurigkeit, Unruhe, Langeweile, Unsicherheit und vieles mehr, angenehm wie unangenehm. Die eigenen Gefühle wahrzunehmen, also mit sich selbst in liebevollen Kontakt zu gehen, ist für viele schon ungewohnt genug – sich darin auch noch zu zeigen, bedeutet große Intimität, benötigt Vertrauen und Geduld. Beides zu entwickeln, ist für viele Paare eine echte Herausforderung. Zum Glück aber eine lohnenden – sagen, meinen und erfahren wir, Ela und Volker.

Die Erfahrungen sind nämlich auch nicht immer Honeymoon-artig, aber sie sind in jedem Fall echt. Kein Vorspielen von was auch immer, kein Verdrängen, kein sich innerlich Abwenden – sondern ganz da sein. Das ist ungewohnt, oft verunsichernd, aber in jedem Fall die Mühe wert – denn hinter der nächsten Fühlkurve (oder sogar mittendrin) warten echte Nähe und Liebe.

Einfach Liebe und die Inselgespräche

Ein Paar besteht aus zwei Inseln – das Bild können wir gut nehmen. Wir lernen die andere Insel kennen, sind neugierig, wollen sie erkunden. Und sind uns immer im Klaren darüber, dass die eigene Insel eine andere Landschaft hat. Unser Partner kann sie kennenlernen, erforschen und immer wieder neue Entdeckungen machen.

Das ist viel spannender, als beide Inseln gleich machen zu wollen, was erstens sowieso nicht geht – und zweitens auch langweilig ist.
Für Inselgespräche und für Entspannten Sex liegt der Trick im genauen Hingucken, Hinhören, Hinspüren – zunächst bei sich selbst, was bedeutet, mit dem eigenen Terrain so vertraut wie möglich zu werden – und dann natürlich bezogen auf den Partner.

Zwei Inseln im Kommunikations-Modus können echt spannende Sachen voneinander erfahren. Als Vulkaninsel kenne ich Feuer, strömende Lava, Hitze und Glut, hohe Energieladungen – wie interessant zu erfahren, wie es sich auf einer Hallig in der Nordsee wohl lebt mit Wind und Wellen und ziemlich kühlem Drumherum – alles fremd, alles merkwürdig, aber in jedem Fall lohnenswert zu entdecken.

Vom Herz in den Körper

Kopf klar, Gefühle gefühlt oder begonnen, sie wahrzunehmen – bleibt der Körper, der viele Jahre an folgendes Muster gewöhnt ist: sexueller Reiz durch was auch immer (Worte, Gesten, inneren Bilder), Anbahnung eines aufreizenden Kontaktes mit entsprechender Erregung hin zum mehr oder weniger schnell erreichten Orgasmus. Der gesamte Organismus kennt das Spiel – wir schrieben schon mehrfach über diese Form des Bio-Sex. Funktioniert seit Beginn der Menschheit mehr oder weniger zuverlässig, ist allen Beteiligten bekannt – und ist deshalb nicht ganz so leicht zu überwinden.

Wir wissen, dass unsere Art zu leben sich sehr von der Lebensweise früherer Generationen unterscheidet: Gleichberechtigung, freie Partnerwahl, sexuelle Freizügigkeit sind Veränderungen, die unser Kopf gut versteht und kennt. Wir heiraten aus Liebe, nicht, weil wir unsere Existenz sichern müssen, wir zeugen Kinder, weil wir in Familien leben wollen – Gefühle sind also die Grundlage heutiger Paarbeziehungen. Wir dürfen uns nach Glück und Erfüllung, nach Intimität und gelebter Liebe sehnen – alles erlaubt und alles erwünscht.

Nur unsere Körper setzen wir uralten Ritualen aus: Dem Paarungs-Sex. Dabei werden uralte neuronale und hormonelle Schaltkreise benutzt, die wir auf den anderen Ebenen schon lange nicht mehr bedienen.
Unsere Körper brauchen deshalb sehr viel mehr Umgewöhnungszeit als unsere Köpfe – besser: Wir benötigen Kopf und Gefühl, um unsere Körper umzugewöhnen, weil es eine Riesen-Umstellung ist, aus dem Erregungs-Orgasmus-muss-sein-Modus auszusteigen.

Der Körper funktioniert so, wie er es kennt – zu einer Veränderung, weil Sex eben entspannt und liebe-voller werden soll, müssen Kopf und Gefühl sozusagen Hand in Hand dafür sorgen, dass er nicht mehr Paarungs-Sex-mäßig einfach schon mal losgaloppiert.

Und das ist eine Frage von Übung – je deutlicher eure Entspannung im Sex die Führung übernimmt (was ja fast ein Widerspruch in sich ist), desto leichter folget der Körper, entspannt sich, wird durch und durch weich und saftig.

Alles zusammen für die Liebe

Sind Kopf, Herz und Körper auf einer Linie mit dem, was sie so wollen und fördern, wird der Sex leicht und entspannt – ganz von selbst. Denn dann kann der Kopf ausgeschaltet werden und Gefühl und Körper freie Bahn geben – damit Liebe in allen Zellen fließen kann. Denn das ist ja der Grund, den Sex zu entspannen. Raum für Liebe und echte Nähe. Die kann dann kommen und die wird dann kommen.