Selbstoptimierung ist ein Riesen-Thema: Tatsächlich ist es bald schon absolut normal – in alternativen Kreisen fast zwingend – bewusster, klüger, effektiver, achtsamer, entspannter und viele andere tolle Dinge zu werden.

Klar, im Sex gilt das mit der Optimierung sowieso, alle wollen den tollsten Sex überhaupt, quasi als Krone einer richtig tollen Liebesbeziehung. Dazu passt, dass in einem unserer Retreats ein Teilnehmer, der das dritte Mal mitmachte, ungefähr folgenden Satz sagte: „Beim ersten Mal im Retreat bei euch dachte ich, entspannter Sex ist Sex, wie ich ihn kenne, nur eben entspannt und langsam. Da hab ich mich schon gefragt, wie das gehen soll. Ich habe dann schnell gemerkt, dass das nicht stimmt, entspannter Sex ist einfach völlig anders als alles, was ich vorher kannte.“ Er und seine Partnerin waren ein drittes Mal dabei, um dieses „Andere“ weiter und tiefer zu erforschen.

So ist das oft: Der Sex soll toller werden, also machen wir ne Menge an Versuchen und teilweise auch an Verrenkungen in vielerlei Hinsicht: körperlich, emotional, mental – raus kommt dabei leider immer mehr vom Selben. Wir rüsten auf mit Sexspielzeug und Fantasien, werden immer geschickter und haben eine aufregende Erfahrung nach der nächsten – sind aber trotzdem nicht zufriedener.

Systemwechsel ist angesagt

Ups, das klingt jetzt aber radikal.
Ist es auch.
Uns fällt noch ein anderes Beispel ein: Eine andere Teilnehmerin brachte einmal das Thema Fantasien im Sex als eine Art achtsame Geheimwaffe zur Sprache – für sie ging es darum, in der Partnerschaft offener zu werden. Ihrer Meinung wären achtsam geteilte Fantasien ein Zeichen von Vertrauen und großer Nähe, was ja genau zu dem passen würde, was wir von Einfach Liebe so zu Intimität sagen. Leider stimmt das so gar nicht, denn im Entspannten Sex kommen Fantasien gar nicht vor – nicht, weil sie verboten wären, sondern weil wir sie schlicht und einfach nicht brauchen um gelassen zu sein…

Entspannter Sex heißt im Klartext: Du bist ganz da, ganz hier, ganz und nur mit dem, was gerade tatsächlich ist. Nicht mehr und nicht weniger. Du fühlst, was du fühlst, denkst, was du denkst und bist darüber im Austausch mit deinem Partner. Jede Fantasie führt dich weg, zu irgendwas noch Tollerem – und genau darum geht es nicht.
Wenn sich wirklich etwas ändern soll, musst du etwas wirklich anders machen als sonst. Wenn Sex weiterhin damit zu tun hat, Reize zu setzen (egal, ob die nun bewusst und achtsam sind, oder nicht), mit Absicht Spannung und Aufregung zu erzeugen, ist das zwar Sex, aber entspannt ist er nicht.

Wenn ein Paar sich miteinander langweilt und nach neuer Spannung Ausschau hält, ist das normal, hat aber mit Entspanntem Sex nichts zu tun. Ein achtsam benutzter Dildo, eine bewusst geteilte Fantasie, ein achtsam geguckter Soft-Porno, ein tantrisches Orgasmusritual – alles mehr vom Selben, alles Sex nach üblicher Art mit dem Ziel, anschließend oder währenddessen dann doch aufregenderen Sex zu haben.

Offenheit ist nicht gleich Intimität

Zurück zur Fantasie-Frage und ob es nicht doch mehr Tiefe in die Beziehung bringt, wenn wir z. B. unsere Fantasien mitteilen. Auf psychischer Ebene stimmt das sicher – geheime Wünsche miteinander zu teilen, ist ein Vertrauensbeweis und kann die Beziehung intimer machen. Fantasien auszuleben geht aber in eine andere Richtung: die nach außen, weg von uns, wie wir jetzt gerade sind. Die tiefere Vertrautheit entsteht, wenn wir wirklich nur die sind, die sich jetzt gerade im Sex begegnen. Mitzukriegen, wie ich abdrifte und darüber im Austausch zu sein – statt mal eben ne richtig heiße Story anzuknipsen, um in Fahrt zu kommen… Hilfsmittel zu benutzen heißt ja immer, da reicht was nicht, um mich zufrieden zu machen, irgendwas fehlt und das soll so nicht sein. Das zu bemerken, ist ein enormer Schritt – und der hat mit einem echten Systemwechsel zu tun. Weg vom optimierten Leistungssex hin zu Entspannung und echter Nähe.

 

Abrüsten entspannt

Beim Schreiben fällt uns ein, dass Abrüsten in der Politik einen passenden Namen hat: Entspannungspolitik.

Genau so ist das bei uns auch: Entspannen, runterkommen, nicht was wollen, was nicht ist, sondern sich ganz und gar mit dem vertraut machen, was da ist. Das ist so anders als alles, was wir im Sex kennen. Sich so auf den Weg zu machen ist ein echtes Abenteuer, eine Forschungsreise, bei der eins garantiert ist: alles, was du erlebst, ist frisch, neu und echt.

Wenn das mal keine guten Aussichten sind…