Aus Männersicht lautet die Antwort auf diese Frage: Ja, natürlich. Die meisten Männer können schnell mal kommen … und zwar sehr schnell. Der Durchschnitt, wie lang es braucht, bis ein Mann im Sex zum Orgasmus kommt, liegt bei 2 bis 3 Minuten. Das sagt die berühmte Masters und Johnson Sex-Studie aus den 60er Jahren, nachdem sie mehr als 1000 Männer untersuchten. Zwei bis drei Minuten, um zum Höhepunkt zu kommen – egal ob ein Mann sich selbst befriedigt, oder Sex mit einer anderen Person hat, alles ganz normal. Diese Statistik ist heute noch genauso gültig wie damals.

Seltsam, könnte man sich da ja denken. In Elas Blogartikel um die Frage des schnellen Kommens geht es Frauen komplett anders. Denn die meisten Frauen können eben nicht mal schnell kommen. Schaut man da mal genauer hin, ist es doch höchst interessant, wie weit verbreitet folgende Situation ist:

Männer kommen zu schnell und Frauen zu langsam oder gar nicht. Fast alle Paare kennen das und trotzdem hält niemand das Orgasmus-Ding für ganz grundsätzlich falsch. Nein, im Gegenteil, die Magazine werden voller und voller mit Tipps für Männer und für Frauen, Woche für Woche, wie diese miesen Quoten zu verbessern sind – und niemand fragt sich: Wie kann es sein, dass wir uns so anstrengen müssen, obwohl wir uns einfach nur lieben wollen?

Bloss nicht zu schnell kommen …

Das habe ich zum Beispiel früher ziemlich oft gedacht und es für total normal gehalten. Und klar, jeder weiß, dass Männer tendenziell „(zu) schnell“ kommen … das ist doch der logische Hauptgedanke beim Sex. Kein Mann gibt es zu, aber sehr viele haben damit zu tun, dann doch irgendwie zu schnell zu sein. Den Höhepunkt zu haben, bevor die Partnerin ihn hat. Oder vielleicht sogar nach den berühmten 2 Minuten zu kommen, obwohl das eigentlich gar nicht so gewollt war. Ich war da auch eher von der schnellen Truppe – ungewollt – und habe in unserem Leben VOR der Entspannung im Sex auch darunter gelitten. Bloß nicht zu schnell sein …

Was mich daran so gestört hat, war, dass ich wirklich gerne länger Sex gehabt hätte und ich dann immer enttäuscht war, wenn alles schnell wieder vorbei war. Mir hat das wirklich Stress bereitet. Und selbst wenn ich wusste, dass es ein allgemeines Thema für Männer ist. In dem Moment, wo es ungewollt vorbei war, hatte ich das Gefühl: Puhhh, ich krieg’s anscheinend einfach nicht auf die Reihe. Je mehr ich „länger“ aushalten wollte, desto schwieriger (und kürzer) wurde es und mir blieb nur noch übrig, mich eher für einen Looser zu halten als für einen tollen Liebhaber, der im Sex eben alles perfekt regelt.

Er zu schnell, sie zu langsam

Das ist für viele Paare der Klassiker. Bei uns war das auch auch. Irgendwie passte alles nach einer Weile nicht mehr so recht zusammen. Wir hatten eher Stress mit dem Sex: schnell vorbei, bevor wir überhaupt erst mal richtig miteinander warm geworden waren und bald hatten wir gar keine Lust mehr. Auch irgendwie keinen Mut, weil wir ja dachten, es müsste so sein: Vorspiel, Hauptteil, Orgasmus, möglichst gleichzeitig natürlich und möglichst immer mal wieder anders, aufregend und spannend. Und genau das klappte bei uns immer weniger.

Üben, nicht zu schnell zu kommen?

Macht man(n) sich auf die Suche, wie das schnelle Kommen in den Griff zu kriegen ist, gibt es die absurdesten Tipps, die alle eins gemeinsam haben: Spannung! Da wird mit Squeeze-Technik gearbeitet, die Ausdauer trainiert, der Orgasmus weggedrückt, die Start- und Stopmethode empfohlen … es gibt sogar betäubende Kondome (der Name: Performa), die helfen sollen eines zu verhindern: zu schnell zu kommen. Allein darüber jetzt zu schreiben … es zieht sich alles in mir zusammen. Das alles, um „es“ richtig und gut zu machen. Es baut sich ja generell schon Druck und Stress auf, wenn wir als Mann das Gefühl haben, wir müssen es bringen – mit diesen Tricks und Tipps kommt dann aber gleich noch einmal ein großes Maaß an Druck und Spannung oben drauf – körperlich und psychisch.

Noch schlimmer: Penis im Streik

Neben dem „Bloß nicht zu schnell“ gibt es allerdings noch ganz andere Männersorgen – die Erektion. Natürlich muss man(n) die haben und dann möglichst lange halten. Ein Penis, der nicht steht, wenn wir es wollen und solange wir es wollen, hat im Sex keine Daseinsberechtigung. Da gibt es dann schnell das passende Label: die Erektionsstörung. Ebenfalls ein großes Thema für uns Männer. Die Porno- und Videoindustrie holt uns dann begeistert an genau diesem Punkt ab und produziert massenweise Reize, um nachzuhelfen. Meistens klappt’s dann mit der Unterstützung, auch wenn die Dosis immer stärker werden muss. Ein Mann mit entspanntem Penis, der nicht spurt? Undenkbar – eben kein echter Mann.

Nichts davon stimmt, wir haben einfach alle eine altmodische Idee von Sex im Kopf, die uns Männern und den Frauen das Leben schwer macht. Liebe und Sex zusammenzubringen wird da echt zum Problem, wenn beide nur damit beschäftigt sind, sich auf einen einzigen Punkt, nämlich den Orgasmus, zu konzentrieren. Am besten natürlich zur selben Zeit. Puhhh. Und das halten alle für normal.

Gar nicht kommen ist eine Lösung

Was, wenn das stimmt? Also, wenn die Lösung darin liegt, bewusst und zufrieden gar keinen Orgasmus haben zu wollen …? Nicht, weil wir so ein Problem umgehen können, sondern weil es (oder besser gesagt: er, der Orgasmus) gar keine Rolle spielt. Wenn du endlos lange entspannten, kribbeligen, wunderbar erfrischenden und liebevollen Sex haben kannst – warum solltest du das eintauschen wollen? Stundenlang Liebe zu machen – das, was ich früher so gern wollte – ist für mich, für uns schon lange normal. Und das geht, weil der Orgasmus für uns kein Thema mehr ist – ob zu früh, zu spät, gar nicht, mit Gerät oder Kopfkino, ob gequetscht, mit Dirty-Talk oder was auch immer – nichts davon spielt bei uns eine Rolle. Wir folgen einfach dem alten Programm im Sex nicht mehr. Meine Erfahrung seit dem ersten Retreat bei Diana und Michael Richardson ist: Verschwindet das Ziel und ist der Sex entspannt, gibt es überhaupt gar kein Problem mehr. Das, was ich mir gewünscht habe, war mit einem Mal da – es ging nur darum, die Riesen-Spannung aus dem Sex zu nehmen und so viel mehr und so viel länger zu spüren.

Das, was mein Leben so enorm liebenswert macht, hat mit dem Entspannen angefangen. Und zwar mit dem Entspannen im Sex. Und mit dem Entspannen und Spüren von meinem Penis. Und zwar von Innen, in der Tiefe. Ich hatte gar keine Ahnung, wie sehr ich früher unter Dauerspannung und Performance-Druck stand. Ich kannte ja gar keine andere Art von Sex. Für mich war das alles ganz normal, wir Männer müssen’s einfach bringen – natürlich nicht zu schnell. Und brauchen auch einen Höhepunkt im Sex.

Ich weiß, das kannst du mir eigentlich alles nicht so richtig glauben. Ich hab am Anfang auch nicht so recht geglaubt, dass Sex ohne Orgasmus wirklich Sex ist. Das ist auch eine der häufigsten Fragen, die mir im Retreat gestellt wird: „Wie, du vermisst den Orgasmus gar nicht? Ach, komm …“ Natürlich habe ich schon vor vielen Jahren angefangen, mein Programm im Sex zu verändern. Und damit mich zu verändern. Wenn du anfängst, darüber nachzudenken und mal zu probieren, Sex zu haben ohne das berühmte Ziel, dann kann sich auf jeden Fall etwas verändern. Ich kann dir nicht sagen, was sich da konkret für dich ändert, aber ich kann dir auf jeden Fall garantieren, DASS sich was ändert. In der Tiefe. Im Sex. In deinem Leben. Und in deinem Penis: Der wird nämlich satt. Und kann so einfach aussteigen aus dem dauer-hungrig-eben-schnell-mal-komm-Programm.