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Warum Sex nicht alles ist …

Wer Angst hat, läuft weg. Dazu müssen die Beine gut durchblutet sein, Lunge und Herz maximal belastbar und das Stammhirn auf Empfang – mehr brauchen wir in solchen Situationen nicht. Essen, verdauen, denken oder sich fortpflanzen – das ist alles nicht dran, wenn es ums nackte Überleben geht. Diese Mechanismen sind neurophysiologisch gesteuert und sie funktionieren bei allen Lebewesen gleich. Im Gefahr- und Angstmodus geht es also eher ums Überleben als darum, neues Leben zu zeugen. Sex wäre also (rein theoretisch) in Corona-Angst-Zeiten von unserem Bauprogramm her eigentlich nicht dran: die meisten Menschen sind beunruhigt, verunsichert, denn niemand weiß, wie sich das Leben weltweit in Zukunft gestalten wird und welche Rolle wir Einzelnen darin spielen.

Heißt das, dass Menschen gerade jetzt weniger Sex haben? Weit gefehlt und ganz im Gegenteil: Kondomfabriken haben gerade Hochkonjunktur, das Gleiche gilt für Pornoseiten im Internet oder Sextoy-Hersteller: Corona macht Angst und Lust auf Sex … ist das wirklich eine gute Mischung?

Gewohnheiten: nicht immer hilfreich

Normaler Sex, also der Sex, der mit einem Orgasmus endet, ist Zeugungs-Sex und der ist in Überlebenszeiten eigentlich nicht dran. Behaupten wir. Denn obwohl viele von uns gerade mehr Zeit als sonst haben, haben auch viele unterschwellig Angst – die Existenz steht auf dem Spiel. Und Sex ist da eine gern gewählte Ablenkung, ein wunderbares „Trösterchen“. Genau da liegt allerdings aus unserer Sicht auch das Problem: Wir bringen uns aus Gewohnheit noch häufiger als sonst in einen Erregungszustand (Höher-Schneller-Heißer), weil wir uns danach entspannt fühlen. Wir sehnen uns nach beidem, nach Entspannung und nach Ablenkung – damit das klappt, kaufen wir Sex-Toys, konsumieren Filme, tun viel dafür, Lust und Erregung so weit und hoch zu treiben, wie es eben geht. Bloß nicht so viel Unangenehmes fühlen. Das kennen viele schon aus den normalen Zeiten. Höher, schneller weiter und der Stress, der damit verbunden ist, ist dem Nervensystem vertraut – so vertraut, dass eine Gewohnheit entstanden ist, mit Sex Stress und Spannung abzubauen.

Historisch einmalig wird gerade alles abgeschaltet, alles entschleunigt, alles verschoben. Unfreiwillig, aber so nachhaltig, wie es sich niemand hätte vorstellen können. Und das macht Angst!

Blöderweise verstärken wir durch unsere Gewohnheiten im Sex diese Überlebensangst in uns, denn die hormonellen und nervösen Strukturen von Kampf und Flucht funktionieren über Reflexe, die nicht unterscheiden, ob unsere Stressreaktion durch eine Corona-Existenzangst angetriggert ist oder durch schnellen, heißen und spannungsgeladenen Sex. Das Ziel Orgasmus erzeugt Anspannung und eine hohe Ladung in unserem Körpersystem und unterscheidet sich so neurobiologisch nicht von anderen Stressreaktionen … das liest sich krass, aber tatsächlich befeuern wir durch Zeugungssex den Teil des Nervensystems, der auch für Angst und Flucht zuständig ist. Natürlich funktioniert der Mechanismus ausgezeichnet – wer Sex hat, macht sich währenddessen keine Sorgen und fühlt sich anschließend entspannt – zumindest für kurze Zeit. Bis das Ganze wieder von vorne losgeht: Die Angst, der Frust, Unzufriedenheit, Stress und Spannung sind ja nicht wirklich verschwunden – schnell haben wir wieder Lust auf Sex, damit wir wieder entspannen – wenigstens an der Oberfläche.

Fazit: Wir fahren unser aktuell sowieso hochgefahrenes Nervensystem über spannungsreichen Sex noch weiter hoch.

Bindungssex entspannt in der Tiefe

Entspannter Sex dagegen bedeutet nicht Fortpflanzung, sondern Bindung. Und gerade jetzt unterstützt die liebevolle und entspannt gelebte Sexualität alles, was wir als wesentlich empfinden:

Verbundenheit

Liebe

Beziehungen

Vertrauen und Innigkeit

Die täglichen Meldungen über Solidarität, Hilfsbereitschaft und Mitgefühl helfen uns, die schwierige Zeit so gut wie möglich erleben zu können. Wir entspannen uns, wenn wir darüber lesen, wie Enkel ihren Omas Podcasts aufnehmen, wir freuen uns an den vielen liebevollen und von Gemeinschaftssinn erfüllten Initiativen.

Neurobiologisch wird bei entspannt geliebtem Sex der Nervus Vagus, der große Entspanner aktiviert (er ist übrigens Gegenspieler des gestressten Symphaticus, der im normalen Sex der Hauptakteur ist). Außerdem wird über Entspannten Sex jede Menge Oxytocin ausgeschüttet, das Bindungshormon überhaupt. Entspannter Sex, für den gerade jetzt mehr Zeit wäre als sonst, unterstützt uns dabei, uns zu beruhigen, zuversichtlicher und vertrauensvoller zu sein. Da geht es nicht um Ablenkung oder Kurz-Zeit-Tröster zwischendurch, nein, da werden alle Systeme aktiviert, die zu mehr Gelassenheit und Ruhe führen, weil wir unaufgeregt und entschleunigt unterwegs sind. Übrigens gilt das auch für alle Begegnungen außerhalb von Entspanntem Sex, die ruhig, liebevoll, zärtlich, beruhigend, fein und achtsam gestaltet sind.

Es wäre sehr schade, wenn das Mehr an Zeit nicht genutzt würde, achtsamer und liebevoller zu werden – die Angst wird uns sowieso immer mal wieder erwischen. Unser Überlebensinstinkt springt schneller an, als wir denken (und fühlen) können – nur ist es jetzt wie sonst auch: Angst ist kein guter Begleiter.

Wenn Entspannter Sex und gelebte Liebe dazu beitragen können, den Herausforderungen gelassener zu begegnen, weil wir in der Begegnung Vertrauen und Liebevolles kreieren, freuen wir uns. Wir wissen: Es geht.